Algen und Vergebung #6

Deutschland tickt aus. Es geht um die wichtigste Institution der deutschen Menschheitsgeschichte: die Deutsche Bahn. Die Deutsche Bahn und die Deutschen, sie sind eine Symbiose. Das Unternehmen bietet nie endenden Frust; die Deutschen können ihre ewigen Verdrängungen und Gespräche, die sich nicht führen mit ihren Liebsten über Probleme, die sie nicht wahrhaben wollen, sie können sie vergessen, wenn sie schnauben über die Deutsche Bahn. Und alle sind sich einig: irgendwie hat es die DB auch verdient. Die Deutschen verbinden sich durch ihre Bahn, sie kommen von A nach B und sie sind sich einig: die Deutsche Bahn ist schlecht.

Und nun das: das 9-EURO-TICKET.

Es klingt ein bisschen wie eine Werbung eines Fastfood- Unternehmens (’11 für 1′ – McDonald’s, ‚Five-Dollar-Footlong‘ – Subway usw.), ist aber, man kanns kaum glauben, ein Ticket, mit dem man einen Monat lang durch ganz Deutschland fahren kann, und es kostet 9 Euro. 9 Euro. Das sind 3 Fahrten mit der Tram in Leipzig. Das sind 2 Halloumidöner. Das ist ne Schachtel Kippen. Das ist einen Monat durch Deutschland fahren.

Deutschland tickt aus. Alle waren sich einig: die Deutsche Bahn ist schlecht. Und jetzt: die Deutsche Bahn ist gut? Ein Streit entbrennt, wer für das 9-Euro-Ticket verantwortlich ist. Alle wollen es sein. Die Grünen und die FDP haben sich so viel die Hände darüber geschüttelt, dass ihnen kiloweise Handcrème nachgeliefert werden musste, die Marxistisch- Leninistische Partei hat ein Statement veröffentlicht, dass das 9-Euro-Ticket ja ein Zugeständnis an sie selbst, also die MLPD, sei und glauben das wahrscheinlich auch noch und selbst an dem Ort, an dem nur Sachen schlecht gefunden werden dürfen, da freuen sich die Leute über das Ticket irgendwie auch: Linkstwitter.

Linkstwitter richtig zu erklären, ist zu schwierig, was wichtig ist für diese Geschichte: Es ist ein Kulturkampf auf dem deutschsprachigen Teil des Kurznachrichtendienstes, wer denn nun der wirklichste und beste Linke sei, und die meisten meinen, sie seien es selbst.

Sylt tickt aus. Denn das eben beschriebene Linkstwitter hat ausgerufen, sie wollen im Sommer nach Sylt fahren. Alle gemeinsam. Mit dem 9-Euro-Ticket. Es ist ein Meme, aber bei denen kann sich niemand sicher sein. Sylt findet das gar nicht gut. Denn die Leute, die da kommen würden, die Linkstwitter- Menschen, die sind ja gar nicht reich. Und nun kommen wir zu dem, worum es heute eigentlich geht.

Es ist mal wieder Zeit für Kulturkritik.

Wie kann es sein, dass reiche Menschen sich einen hässlichen, kalten, einsamen Scheißort am Rande der Nordsee ausgesucht haben, um sich dort zu treffen, obwohl gerade sie das ja nicht tun müssten, sondern eigentlich alles machen könnten?

Und da habe ich mich erinnert: Ich war ja selbst mal in luxuriösen Ferienorten. Und zwar, als ich mit 13 in Kanada war. Da habe ich mit meinen Großeltern einen Monat lang meine Verwandtschaft besucht (Ukrainer*innen waren das, bei Gott, danke für Migration). Und ein paar Tage dieses Urlaubs haben wir Thermalquellen in den kanadischen Rocky Mountains abgeklappert. Und das sind ziemlich wohlhabende Orte. Wir konnten uns nur die Motels leisten, die gibts da eigentlich nicht für Tourist*innen, sondern für Truckfahrer*innen, aber die kanadische Familie waren Sparfüchse und so waren wir ‚Undercover‘ in reichen Badeorten. Und so sitzt man da, im Sommer, auf 2000 Meter Höhe über dem Meer, und schmilzt in ner Thermalquelle rum. Die Luft kühl, die Sonne ballert, die Quelle dampft. Und da passiert es, dass die anderen Leute mit einem anfangen zu reden. Und die Gespräche liefen immer nach dem exakt gleichen Muster ab: ‚Wir sind schon zum ___ten Mal da, und das erste Mal waren wir hier im Jahre ____. Ist das ihr Sohn? Ihr Enkel? Toll!‘ Das wars. Das ist kein Gespräch, das ist Verachtung von Zwischenmenschlichkeit. Und ich dachte mir schon damals: Wieso sind diese Leute so wahnsinnig unpersönlich? Warum können die kein Gespräch führen? Warum können die nichts Interessantes erzählen?

Und nun zu der Theorie.

Wir ‚im Westen‘ leben in Gesellschaften, in denen sozialer Aufstieg bedeutet: Nutze jede Chance, mit allen Leuten so wenig wie möglich zu tun zu haben. Und je reicher du bist, mit desto weniger Leuten darfst du etwas zu tun haben. Je reicher das Viertel, desto größer das Grundstück, selbst physisch lebt man immer getrennter und getrennter vom Rest der Menschheit, die Beziehungen, die geführt werden, werden immer häufiger Geschäftsbeziehungen (übersetzt: Ich hasse dich, aber du bringst mir Geld), mit jedem Schrittchen auf der sozialen Treppe nach oben vergrößert sich der Teil der Menschheit, von den einem abgeraten wird, sich zu treffen und am Ende wird man Elon Musk und man wünscht sich eine Reise zum Mars.

Versteht mich nicht falsch, ich bin der Erste, der Musk ins All schießen möchte, was ich sagen will, ist: Exklusivität ist Einsamkeit. Und Sylt ist der am schlechtesten erreichbare Ort Deutschlands. Und deshalb zieht es die, die nichts sehnlicher wollen als die Abwesenheit von sozialen Beziehungen, nach Sylt.

Wenn die Sylter*innen schlau gewesen sind, dann haben sie ihre Heimat so eingerichtet, dass dort keine sozialen Beziehungen möglich sind, und weil Sylt schon so lange ein exklusiver Reichenort ist, haben sie es wahrscheinlich gemacht. Und so rate ich den Linkswtitterleuten und allen anderen auch: Fahrt niemals da hin, ich bin mir sicher, dass es ein furchtbarer, ein trauriger Ort ist. Und der Sommer ist keine Zeit für einen Ort, der ist, wie eine Depression.

In ne Thermalquelle in den Rocky Mountains, da würde ich hingegen schon gerne mal wieder hin. Das war Adrenalin pur: Wenn man sich zu weit mit dem Oberkörper reingelehnt hat, gab es sofort Herzrasen, wenn man sich rausgelehnt hat, hörte es sofort auf. Vielleicht schmeißen ja die FDP, die Grünen, die MLPD und Linkstwitter zusammen und machen mir ein 9-Euro-Flugticket nach Kanada? Ich glaube, ich hätte es mir verdient.

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