Algen und Vergebung #7

Ich kenne keinen Menschen, der die Stadt so sehr braucht wie ich. Und ich meine die Stadt, nicht den Kiez. Ich mag den Kiez nicht. Der Kiez ist ein Dorf in der Stadt. Jetzt will ich aber ja in der Stadt leben. Ich will die Menschen ja eben nicht alle grüßen müssen, ich will ja eben nicht über den Ladenbesitzer in der Parallelstraße lästern. Mir ist der Ladenbesitzer in der Parallelstraße egal, und ich will, dass er mir egal sein darf.

Ich liebe die Anonymität, die Nachbarn, die man nicht kennt, die Leute, die aufeinander wohnen, die Unmengen an unbekannten Gesichtern, die aber einem nichts tun außer unfreundlich zu sein. Es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Eine Chance auf Frieden. Leipzig ist das closeste Ding, was jemand wie ich Heimat nennen könnte.

Woher kommt die Liebe zur Stadt?

Ich bin an zwei Orten aufgewachsen, die ersten Jahre meines Lebens in einer Sozialwohnung in Paderborn, 5 Minuten Fußweg von der Fußgängerzone um die Paderquellen entfernt, also richtig im Zentrum. Da kannte man auch nicht alle Leute, die im Haus wohnen, und man sah aber immer Unmengen auf der Straße. Hat sich gut angefühlt für mich. Danach bin ich umgezogen aufs Land in Ostwestfalen, und da ist man in eine Welt aus sozialen Regeln getunkt worden.

Soziale Regeln gibt es nicht wegen ihrer Sinnhaftigkeit, sondern nur deshalb, dass sich Leute vergewissern, dass es die Regeln noch gibt. Eine Welt aus sozialen Regeln ist eine Welt, in der die Gespräche sich darum drehen, wer jetzt die sozialen Regeln eingehalten hat und wer nicht. ‚Na, wo der wohl das Geld für das neue Auto her hat‘, ‚Die hat mich schon wieder nicht gegrüßt.‘ Warum sollte dich jemand grüßen, Babsi, hast du dir die Frage schon mal gestellt? Hast du nicht.

Es ist bloß eine Form von Ordnung und sie verspeist die Neugier, die Aufmerksamkeit und die Zeit der Menschen und sonst macht sie nichts. Die Leute sind fleischgewordene Kommentarspalten und der einzige Unterschied zu Social Media ist, dass Elon Musk sie (noch) nicht kaufen will.

Und dann sind diese sozialen Regeln (auf dem Land in Ostwestfalen) zumindest) auch noch konservativ[1]. Kurz: keine Welt für mich.

Doch in den vergangenen Jahren ist etwas passiert, was mich nicht hätte mehr überraschen können. Ich fahre gern zurück nach Ostwestfalen, um meinen Vater und meine Schwester zu besuchen. Es gibt noch mein Kinderzimmer, es ist die gleiche Wohnung, in der ich 10 Jahre gelebt habe (und weiß Gott waren da beschissene Zeiten dabei).

Was ist also passiert?

Heimatgefühle? Nostalgie? Nein!

Ich bin Tourist geworden. Ich habe gelernt, dass Ostwestfalen, Warburg wenigstens, eine schöne Kleinstadt ist. Optisch. Und weil ich mit niemandem reden muss, ist das alles, was ich mitbekomme. Und dann kann man es sich wirklich gut gehen lassen. An der Diemel spazieren, bei der Bäckerin Graubrot kaufen (die Ostwestfalen sind übrigens Brotsommeliers, in Sachsen habe ich in 10 Jahren nicht mal ein gutes Brötchen gegessen, in Ostwestfalen gibts in jeder Bäckerei 3 Brote, die ausgezeichnet sind), ein bisschen durch die Altstadt laufen, sich schwitzend abkämpfen, weil sich die ganze Stadt auf Hügeln befindet, ein lokales Bier genießen.

Und auch Paderborn ist ein kleiner Urlaubsort für mich geworden, die Paderquellen in der Innenstadt sind wirklich hübsch und dass die Menschen in Paderborn die schlechtangezogensten der Welt sind, übersehe ich gerne. Ein Trip zum KARA Markt (lest Algen und Vergebung #2), ein in Schokoladenglasur gebadetes Soft-Eis in der Innenstadt essen, die Blumen auf den Gräbern der Familie gießen. Wholesome einfach. Und dazu ist es auch noch eine Stadt mit der üblichen Anonymität und niemand erwartet von einem, gegrüßt zu werden oder sonst irgendeine soziale Regel einzuhalten.

Und in diese ganze Ruhe und Wholesomeness passierte nun vor ein paar Wochen das: ein Tornado. An einem Freitag um 17 Uhr, der mitten durch die Stadt ging. Einmal quer von Westen nach Osten, direkt durch die Fußgängerzone im Zentrum.

Meine Schwester war gerade im Zug nach Paderborn unterwegs, und der blieb dann in der Pampa stehen (Willebadessen).

Meine Großeltern waren auf ihrer Datscha am Stadtrand und als sie merkten, dass das Wetter richtig umschlägt, sind sie nach Hause gefahren. Und während sie auf der legendären Paderborner Umgehungsstraße um Paderborn herumfuhren, ballerte der Tornado durch die Stadt durch.

Was soll man sagen: Alle hatten Glück. Der Tornado ging wenige Meter am Friedhof meiner Verwandtschaft vorbei. Und meine Großeltern standen jetzt auch nicht gerade unter Schock, die beiden haben ja auch kein Schiss in einem Auto zu sitzen, was mein Opa fährt. Überhaupt ist niemand in der ganzen Stadt gestorben, es gab nur Verletzte. Es ist also noch alles gut gegangen.

Boris, was soll das, warum erzählst du uns das alles?

Weil es mich traurig gemacht hat. Und das bedeutet, dass mir an Ostwestfalen wirklich etwas liegt. Und das ist ein Wunder. Denn die glücklichste Phase meines Lebens hatte ich in der Oberstufe und der Grund des Glücks war, dass ich wusste, dass ich wegziehen würde. Dass ich Ostwestfalen hinter mir lassen würde. Dass ich ‚meins‘ finden würde.

Und nun, fast 10 Jahre später, habe ich wirklich nicht mehr viel zu tun mit Ostwestfalen. Und die schlechten Erinnerungen sind ergänzt worden durch neue, bessere Erinnerungen.

Vielleicht zeigt diese Kolumne, dass man sich selbst neu erfinden kann. In Ostwestfalen bin ich nämlich nicht mehr in erster Linie Sohn, Enkel, Mitschüler, jetzt bin ich in erster Linie ein einfacher Tourist. Und weil ich das bin, konnte ich meinen Frieden machen und diesen langweiligen Streifen Land mit den schlecht angezogenen Menschen in mein Herz schließen. Und darüber kann ich wirklich nur glücklich sein.


[1]Und ich meine hier konservativ (also: ‚ich hab schon immer CDU gewählt‘, ‚die Geflüchteten sollen sich selber integrieren‘, “ich will nicht, dass der Homosexuelle sich an mich ranmacht‘) und nicht rechtsextrem (was in Sachsen als konservativ gilt: ‚Geflüchtete sollen WEG‘, ‚Genderwahnsinn‘, ‚Volksverräter‘ usw:)

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