Algen und Vergebung #10

Im Spätkapitalismus wollen alle einem erzählen, dass sie die Geilsten sind. Da muss man natürlich manchmal einen Schritt zurücktreten und feststellen: ‚Nee, also, das kann ja gar nicht sein‘. Aus diesem Grund werden in dieser Kolumne meistens Dinge, Einstellungen oder gleich ein ganzer Mensch schlecht gefunden.

Da darf natürlich nicht der Eindruck entstehen, ich würde alles auf der Erde verteufeln, das stimmt nämlich überhaupt nicht. Um diesem Eindruck entgegenzuwirken, wird ab sofort ab und an eine Kolumne eingestreut, in der ich mal was gut finde. Analog zu George Carlin1 denke auch ich: ‚Ich hasse Menschengruppen, aber ich liebe einzelne Menschen‘ und so wird es sich meist um eine Person drehen. Die Subkolumne heißt ‚… wird euer Leben besser machen‘ und die erste Ausgabe davon:

Samira El Ouassil wird euer Leben besser machen

‚Mein Name ist Samira El Ouassil. Ich hoffe, ich habe das jetzt richtig ausgesprochen.‘ Wer sich so bei einer Rede vorstellt, ist mein*e Freund*in.

El Ouassil ist studierte Kommunikationswissenschaftlerin, Schauspielerin, Musikerin, Podcasterin; für diese Kolumne ist aber am Wichtigsten: Sie ist Autorin. Beim SPIEGEL ist sie Teil der goldenen Kolumnen-Troika BergStokowskiElOuassil (die besten wöchentlichen Texte, die es in deutscher Sprache gibt), und für Übermedien.de schreibt sie auch noch, und zwar Medienkritik vom Feinsten.

Eigentlich jeder, der über sie schreibt, stellt heraus, dass sie eine ungeheure analytische Kraft besitzt: Komplexe Themen werden bei ihr nie vereinfacht, sondern durchdrungen und dadurch verständlich. Sachen sind nämlich dann meist unverständlich, wenn die Person, die sie sagt, sie selbst nicht richtig verstanden hat. Dieser Gefahr setzt man sich bei ihr nicht aus. El Ouassils Texte sind oft Flugzeuge, die über den Pool des Wissens hinüberfliegen, keine noch so kleine aktuelle Gegebenheit, in der sich kein gesamtgesellschaftliches Narrativ finden lässt, kein Thema, über das es keine soziologische Theorie gibt, die sie parat hätte. Man liest und fühlt sich danach nicht bloß schlauer, sondern irgendwie auch besser.

Denn was viel zu selten über ihre Texte gesagt wird, ist das, was sie so besonders macht. Ja, die Texte sind analytisch, aber oft bedeutet das: Kühle und Distanz. Samira El Ouassil ist die Königin der Sanftheit, sie ist das lebende Gegenteil des Zynismus. Alles wird erst einmal ernst genommen, allen wird zugetraut, aus guten Gründen zu handeln und manchmal muss man eben feststellen: Sie tun es nicht. Egal, ob sie gegen Impulse anschreibt, die auch ich habe oder einen ehrlichen Text über das Sterben, ich habe immer das Gefühl, in Händen zu sein, die mich an einen behutsamen Ort führen können.

Wenn sie schreibt, dass sie jetzt, mit Mitte 30, zum ersten Mal Weihnachten feiert und das auch noch gut findet, da fange ich wirklich an zu schmelzen. Denn es ist so einfach, Weihnachten schlecht zu finden und so schwer, Weihnachten gut zu finden ohne wie eine Werbenudel für Christstollen und verklärte Erzählungen für konservative Familien zu wirken, und ich kann die Worte dafür gar nicht finden, wie El Ouassil es schafft, da nicht reinzutapsen.

Was passiert, wenn die restliche Welt auf diese Welt trifft, durfte ich vor ein paar Wochen auf meiner Lieblingsplattform Twitter erleben. Denn zusammen mit Friedemann Karig hat Samira El Ouassil einen Podcast auf Deutschlandfunk Kultur, in dem interessante Biographien vorgestellt werden und den ich regelmäßig gehört habe, und eines Tages haben sie die Berliner Lyrikerin Elisa Aseva eingeladen. Ein toller Podcast, hört ihn euch an. Deutschlandfunk Kultur hat daraufhin beschlossen, die Sendung so auf Twitter(!) anzukündigen:
„Ich glaube, dass wir den Kommunismus haben müssen, wenn wir eine Zukunft für alle wollen“, sagt die Lyrikerin @asevaelisa in unserer Serie „Link in Bio“

Es ist nicht besonders schwer, sich vorzustellen, dass wirklich viele Leute dazu ihre Meinung geäußert haben. Was mir aufgefallen ist: Anscheinend hat niemand den Podcast gehört. Denn keine einzige Reaktion, egal ob ablehnend, zustimmend oder ‚ich scheiß auf den Deutschlandfunk‘, niemand hat darauf hingewiesen, dass auch dieser Podcast voller Sanftheit, Interesse und Neugier ist vor dem Leben eines Menschen und seinen Erzählungen. Kurz: Die Reaktionen auf Twitter waren so verkürzt und mit so einem Desinteresse an der Sprechenden formuliert, so auf die eigenen Ideen fokussiert, dass ich das nur noch Dummheit nennen kann.

Und um Intelligenz geht es heute auch noch.

Denn Samira El Ouassil ist nicht schlau, sie ist Mitglied bei Mensa, also hochbegabt. Warum ist mir das wichtig?

Ich komme aus dem akademischen Flügel einer migrantischen Familie, vielleicht die einzige Gruppe in Deutschland, die noch mehr verachtet als deutsche Akademiker*innenfamilien das ohnehin schon tun. Bei uns wurde Intelligenz dazu benutzt, toxisches Verhalten zu legitimieren. Wir sind eigentlich die originale ‚Rick and Morty‘- Familie. Geniekult ist alles, der ’normale‘ Mensch ist verachtenswert. Intelligent ist, wer selbst geniale Ideen hat. Wer anderen Leuten zuhört, geschweige denn, Positionen von ihnen übernimmt, weil sie vielleicht etwas besser wissen als man selbst, ist schwach und dumm.

Samira El Ouassil ist mein persönlicher Beweis dafür, dass genau das Gegenteil davon richtig ist. Sie hat ihre Begabung dazu genutzt, alles zu lesen und aus einem bemerkenswerten Fundus an Wissen und Querverweisen schöpfen zu können. Ihre Texte sind oftmals Plädoyers für Einfühlsamkeit. Sie ist demütig und das ist, was sie von uns will: Demut. Vor dem Wissen, was es gibt, vor den Entwicklungen, die es gibt, vor dem Leben an sich. Damit wir nicht alles scheiße finden müssen.

1Google doch selbst!

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