Algen und Vergebung #12

Diese Woche gab es tolle Nachrichten. Und, nein, ich rede nicht davon, dass Elon Musk von Twitter verklagt wurde – sondern: von diesem einen Bild.

Das James Webb Space Telescope hat die ersten Bilder veröffentlicht und ich war schon ganz heiß darauf. Warum? Weil ich wahnsinnig gut zu Astrophysik- YouTube einschlafen kann1. Dort erklären mir Akademiker*innen mit ruhiger Stimme, was ein schwarzes Loch ist, was die da im CERN machen in der Schweiz mit dem Teilchenbeschleuniger oder einfach mal, warum ich mir sehr sicher sein darf, dass morgen die Sonne wieder aufgeht. Also einen besseren Gedanken zum Einschlafen kann man ja auch gar nicht mitbekommen.

Und in der Astronomiebubble wurde seit Jahrzehnten an dem Webb-Teleskop gearbeitet und in den Videos von früher hieß es immer, ja, in ein paar Jahren, da ist es dann soweit, dann schießen wir das Ding ins All und dann wird sich alles ändern. Ich wurde also vorbereitet.

Letztes Jahr an Weihnachten, ich weiß es noch genau, weil es mir scheiße ging und ich einsam war, da schossen sie das Ding dann wirklich ins All und ich habe mir den Raketenstart livegestreamt. Das ist wirklich nicht das Weihnachten, was ich mir vorstelle, aber es ist nun mal so gelaufen. Und beim Raketenstart, da hieß es, ein halbes Jahr noch, wenn alles gut läuft, dann liefert uns das Teleskop die ersten Bilder.

Nun, das halbe Jahr ist vorbei und die ersten Bilder sind da. Darauf war ich vorbereitet, wie gesagt. Worauf ich nicht vorbereitet gewesen bin, sind die Reaktionen auf das Bild. Wenn man in die absolut lächerlichen Tiefen des Universums blickt, haben ganz, ganz viele Leute das Gefühl, ganz unwichtig zu sein und von der Größe des Universums überfordert zu sein.

Dieses Gefühl möchte ich heute kaputt machen.

Achtung! Jetzt kommt ein Ausflug ins Gebiet der Astrophysik von einem Typen, der sein Kulturwissenschaftsstudium nicht zu Ende kriegt. Aber ja, es muss sein!

Ihr müsst euch das so vorstellen: Zu Beginn nach dem Urknall gabs erstmal nur Wasserstoff. Das wäre ein Problem für uns, denn, schaut euch mal um, da ist ja ganz anderer Stuff als Wasserstoff. Also was ist passiert?

Der Wasserstoff vom Anfang hat sich gesammelt in riesigen Gaswolken, die sind dann kollabiert wegen der Schwerkraft und so wurden Sterne draus. In den Sternen wird dann der Wasserstoff zu schwereren Atomen fusioniert, bis der Stern seinem eigenen Druck nicht mehr standhalten kann, selbst explodiert und einen Teil der Atome, aus denen er ist, ins All donnert. Der Stern selbst hat dann nichts mehr zu melden, aber aus den herausgedonnerten Atomen von den ganzen explodierten Sternen wird wieder irgendwann ne Gaswolke und es geht von vorne los. Der Unterschied zu der früheren Gaswolke: da ist jetzt nicht mehr nur Wasserstoff drin, sondern auch ein paar schwerere Atome, die im alten Stern fusioniert wurden.

Und so gehts weiter und weiter, bis irgendwann in den Gaswolken so viel schwereres Material ist, dass nicht nur ein Stern entsteht, sondern auch eine Menge Staub um ihn herumfliegt, der Staub wird vielleicht auch mal zu einem kleinen Stein und wenn das 13 Milliarden Jahre so weiter geht, fliegt irgendwann ein fetter, nasser Stein durchs All um einen Stern – die Erde. Auf dem geht das Leben und die Evolution los, und am Ende laufen so kleine Teilchenhäufchen darauf herum wie wir. Das hört sich erstmal nicht so selbstbewusstseinssteigernd an. Aber denkt mal darüber nach.

Da ist ein Universum, was absolut nichts will. Das ist einfach irgendwie losgegangen mit dem Urknall. Dann kommen die ersten Galaxien, die nichts wollen, Sterne explodieren, die nichts wollen, dann kommt der nasse Stein, der auch nichts will und am Ende dieser ganzen Entwicklung stehen wir, liegen im Feinrippunterhemd im Bett und denken: ‚Fuck, ey, ich will Pizza.‘ Wir wollen auf einmal was! Ist das nicht fantastisch? Das ist schlichtweg ein Wunder.


Wir sind also wirklich alle Sternenstaub, und trotzdem:

Wir verhalten uns ganz anders als der Sternenstaub, aus dem wir sind. Wenn Bilder vom James Webb- Teleskop in einem irgendwas auslösen können, dann doch eigentlich: ‚Man, bin ich besonders‘. Ich bin aus genau dem gleichen Stuff wie das Andere alles, und trotzdem möchte ich irgendwen lieben, von irgendwem geliebt werden, und ins Weltall schauen. Wir sind klein und unwichtig und trotzdem ist uns unser Leben so wichtig. Und es ist wirklich wichtig, weil es uns wichtig ist.

Das ist alles so unglaublich, dass man sich manchmal bei solchen Bildern wie vom James Webb- Teleskop wirklich zurücklehnen kann und denken: wow.

1Noch besser sind nur US- amerikanische Podcasts über die US- Politik. Wenn ich einmal das Wort ‚polarization‘ höre, schlafe ich ein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.