Algen und Vergebung #16

Es ist ‚Zwischen den Jahren‘, eine Zeit nach Weihnachten, die damit endet, dass das das Jahresende danach gefeiert wird und ein Neues beginnt, obwohl wir ja angeblich schon dazwischen sind.

Für manche ist es wirklich eine Zeit dazwischen. Für sie sind es die Tage, um kurz aus der komatösen Verfressenheit und den Streitigkeiten von Weihnachten das Bewusstsein wiederzuerlangen, ehe man sich an Silvester endgültig aus dem Jahr herausschießt und sich selbst abermals erzählt, dass ab jetzt wirklich alles besser wird. Doch für mich ist die Zeit nach Weihnachten eine steile Kurve nach oben, es sind die Tage, die mich potentiell am Glücklichsten machen können von allen Tagen im Jahr. Alles kulminiert mit Silvester, dem melancholischsten, sinnlosesten, extastischsten Tag im Jahr, kurz: Meinem absoluten Lieblingsfeiertag.

Aber dazu später mehr. Gehen wir chronologisch vor.

Die Winterdepression, die pünktlich im November beginnt, ist schon Schnee von gestern, wenn die Adventszeit anfängt und selbst eine Depression einfach überspült. Wochen der Irritation stehen an für jemanden wie mich, ein Einwandererkind, das aus der Kirche ausgetreten ist. Es scheint, als ob die Deutschen noch deutscher werden in diesen Wochen vor dem Weihnachtsfest. Ihre Kinder werden in Spielwarengeschäfte geschleppt, wo sie Tobsuchtsanfälle bekommen, bis die Geschenke doch bei Jeff Bezos bestellt werden; Erwachsene Menschen schreien sich im Kaufhof an wegen ausverkaufter Parfums, die Leipziger Innenstadt verwandelt sich in einen Weihnachtsmarkt, dort weht der Geruch von Glühwein und ausgekotzten Kräppelchen. Auf Weihnachtsfeiern fassen Menschen den Entschluss, woanders arbeiten zu wollen. Es ist eine Zeit des Leidens, schlicht und einfach.

Und am Ende davon: Weihnachten. Ach Gott.

Das Fest der Familie, das Fest des Kindes. Ich feiere das nicht. Ich muss nicht, denn ich glaube nicht, dass Jesus Christus für meine Sünden gestorben ist und ich will auch nicht feiern, denn die eigene Familie ist hoffnungslos verloren und nimmt es mir nicht übel, dass ich derlei Veranstaltungen fern bleibe.

Daraus haben sich allerdings andere, ‚weihnachtliche‘ Traditionen bei mir entwickelt. Ich war nicht mehr an Weihnachten ‚zu Hause‘, seit ich 19 bin und in den ersten Jahren danach habe ich in einer großen WG gewohnt, in der man niemals alleine war, außer: Ich an Weihnachten. Und dann wurde erstmal die Heizung in der Küche aufgedreht, der Gitarrenverstärker auf den Essenstisch gestellt und, bekleidet nur in Unterhosen und T- Shirt, richtig in die Stratocaster1 reingekracht. Der Raum mit der besten Akustik, ich alleine mit den Tabs von ‚Ultimate Guitar‘ und meinen Unterhosen.

Trotzdem ist das keine große Emanzipationsgeschichte, an Weihnachten ist bei mir einfach nicht viel los. Meine Freund*innen sind weg, meine Lieblingsyoutuber*innen laden keine Videos hoch und die meisten Bars haben auch zu. Es sind unaufgeregte Tage, aber wundervoll sind sie nicht.

Auch der Ausblick für zukünftige Weihnachten ist eher trist. Was soll ich schon mehr werden als der ‚Freund der Tochter‘, in dieser Rolle wird man nicht glücklich.

Nach Weihnachten wird es allerdings nur noch besser.

Wie gesagt, die Freund*innen sind alle weggefahren, aber ‚Zwischen den Jahren‘, da tropfen alle langsam wieder rein. An Silvester wollen dann doch wieder alle in Leipzig sein, alle haben genug von der Familie, alle werden ein bisschen mehr wie ich.

Ich habe den Eindruck, schon in den letzten Tagen vor Silvester werden Freundschaften stärker gepflegt, ich mache das zumindest. Vor einigen Jahren, es müsste der 27. oder 28. gewesen sein, kamen die ersten beiden Freunde wieder, und wir hatten eine viel zu große WG für uns allein.

Kulturell war an dem Abend was los. Die aufmerksamen Leser*innen wissen ja, dass meine Familie aus Kirgistan kommt, dabei war noch ein venezoelanischer Austauschstudent und ein Freund aus Schulzeiten, seine Familie aus dem Münsterland.

Irgendwann, nach viel Alkohol, es wurden Songs in die Spotify- Playlist zugefügt, spielte der Venezoelaner ein Lied von Madonna ab und uns traf die Erkenntnis: Alle unsere Mütter, die auf 3 verschiedenen Kontinenten aufgewachsen sind, waren Fans von Madonna. In dem Moment fühlte ich mich als Teil der Menschheit. Danach lagen wir uns heulend in den Armen.

Und nach solchen Tagen dann noch: Silvester.

Es gibt viele, viele nachvollziehbare Gründe, Silvester komplett abzulehnen, Stress zu haben, sich unwohl zu fühlen. Der Ausgehzwang erreicht seinen jährlichen Höhepunkt, Silvester ist sowas wie der ultimative Samstag und schon Tocotronic wussten: ‚Samstag ist Selbstmord2‚. Selbst Leute, die das sonst nicht machen, greifen reichlich zu Rauschmitteln. Der Böller hat Hochkunjunktur, vielleicht die passendste Verwirklichung von toxischer Männlichkeit als Gegenstand. Ein detonierender Phallus, nach 5 Sekunden ist es vorbei, aber man kann sich dabei die Hand abreißen, ‚Lass mal auf jemanden werfen‘. Pfui. Sich eine Gruppe Frauen vorzustellen, die Böller wirft, ist absurder als eine Geburt durch den Mund.

Es ist kalt, es stinkt, Leute tummeln sich in WG- Küchen und an Aussichtspunkten, Raketen fliegen knapp vorbei, Sekt auf dem Boden, Sekt auf dem T- Shirt, Sektkotze in der Toilette, irgendjemand möchte um Mitternacht jemanden küssen, der das nicht will.

Aber Silvester hat auch eine andere Seite.

Immer, wenn ich das Feuerwerk um Mitternacht sehe, muss ich Folgendes denken: Seit der Sesshaftigkeit des Menschen gibt es Naturwissenschaft, seit dem 17. Jahrhundert moderne Chemie und die ganzen Jahrtausende harter Arbeit, gestorbener Wissenschaftler*innen, Entwicklung von Bildungssystemen hat es gebraucht, bis wir ein einigermaßen sicheres Zündsystem für so etwas wie einen Feuerwerkskörper bauen konnten und Silvester nehmen wir diese Jahrtausende Schweiß und jagen das einfach in die Luft. Und alles, damit wir für einen kurzen Moment denken: ‚Man, sieht das schön aus‘.

Es ist ja nicht so, dass wir irgendwas ‚Wichtiges‘ feiern würden. Das Jahr haben wir uns auch einfach ausgedacht, die Sonne geht so oder so auf am nächsten Tag. Und trotzdem feiern fast alle Kulturen das Neue Jahr. Das ist nicht immer dann, wann es bei uns ist, aber es ist immer ein Fest. In Kirgistan, Venezuela, im Münsterland, in Russland, in den USA, an der Südpol- Forschungsstation, Christ*innen, Jüd*innen, Muslim*innen, Leute wie ich feiern ihre Versionen davon.

Warum machen das denn alle? Ich glaube, an Silvester feiert der Mensch sich selbst. Die Leute feiern, dass sie am Leben sind. Guck mal, wieder ein Jahr geschafft. Und deshalb feiert man Silvester mit den Leuten, die man wirklich mag und das kann natürlich die Familie sein, aber vielleicht auch Freund*innen oder, die, die es werden können.

Der Wunsch von Leuten überall, so etwas zu machen, ist so universell, dass ich mich an Silvester noch mehr als Teil der Menschheit fühle als an dem Madonna- Abend in der WG. Und das jedes Jahr.

Bleibt nur zu sagen: Happy New Year! 2023 wird diesmal alles besser, also wirklich.

1Das ist die E-Gitarre, die so aussieht, wie das, was ihr euch vorstellt, wenn ihr an eine E- Gitarre denkt

2‚Wer hat das Wochenende erfunden/ Die ganze Menschheit ist dadurch geschunden‘ https://www.youtube.com/watch?v=e7HtpXbHhAc

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