Algen und Vergebung #3

Fynn Kliemann und ich

Was du auch machst

Mach es nicht selbst

Auch wenn du dir

Darin gefällst

Wer zu viel selber macht

Wird schließlich dumm

Ausgenommen Selbstbefriedigung1

Ja, wir haben doch alle das ZDF Magazin Royale geschaut letzte Woche2. Und falls nicht: Fynn Kliemann, unsere liebste norddeutsche Ideenmaschine, ist laut des Beitrags ein Maskenbetrüger. Millionen Masken hat er in der Pandemie verkauft, sich in Interviews altruistisch gegeben mit ‚man dürfe sich an der Krise nicht bereichern‘ und deshalb habe er ‚fair produzierte Ware aus Europa‘ hergestellt. Anscheinend kamen vieler dieser Masken aber dann doch aus Bangladesch (120€ Monatslohn) und Fynn Kliemann hat doch Geld verdient daran (aber nur ne halbe Million €, hat er im Spiegel gesagt)3. Leider Gottes war aber die erste Charge (100 000 Masken) unbrauchbar, und deshalb wurden die freundlicherweise und unter großem Beifall an Flüchtlingscamps in Griechenland und Bosnien ‚gespendet‘.


So weit, so zynisch. In dieser Kolumne soll es aber nicht so sehr um Fynn Kliemann (Arschloch) gehen, vielmehr um meine Reaktion. Ich war geradezu euphorisch nach dem Beitrag. Was war da passiert? Man sollte sich ja schließlich wirklich nicht darüber freuen, dass Geflüchtete verarscht und benutzt wurden für ein bisschen Publicity.

Natürlich habe ich mich nicht darüber gefreut. Es war Schadenfreude, so pur und rein, wie das Wasser im klarsten See der Welt. Denn bei Fynn Kliemann kommt bei mir einiges zusammen. Das Schlimmste ist die Liebe zu ihm von Leuten, die ich mag. Und ich kanns nicht verstehen. Ich kanns einfach nicht. Wie zur Hölle kann mein eigenes soziales Milieu meiner eigenen Generation, die die Fetischisierung von Arbeit und Selbstausbeutung komplett durchanalysiert hat, wie kann dieses Milieu einen Typen gut finden, der über sich selbst sagt, dass er keine Freund*innen habe, sondern nur Kolleg*innen, weil er ja mit allen arbeite, die er kennt? BIN ICH DER EINZIGE HIER, der die Loser und die Im-Bett-Liegen-Bleiber mag? Der sich wünscht, dass es weniger Arbeit gibt? Der sich gute Freund*innen wünscht und wirklich nichts, nichts auf der Welt so wenig will wie die Gründung eines eigenen Unternehmens? Herrgott nochmal, selbst diese Kolumne ist nur zustande gekommen, weil sie auf eine komplett fertige Plattform gestoßen ist (danke, Topic Slam).

Das ganze Do It Yourself- Ding ist mir schon als Konzept zuwider. Natürlich, wenn man für irgendwas brennt, dann sollte man das auch machen, mit größtmöglicher Integrität. Aber manchmal muss doch einem der Schalter umspringen und man merken, dass jemand anders etwas vielleicht besser kann als man selbst und dass es überhaupt nicht schlimm ist, wenn man das nicht selbst macht. Hups, da kann jemand aber ganz schlecht Kontrolle abgeben.

‚Lass doch mal ein Land gründen, eine Utopie in Niedersachsen, wie können wir die nennen… Kliemannsland, wie Niemandsland, nur nach mir benannt… wie, das ist größenwahnsinnig? Ich bin doch einer von den Guten! Alle meinen, ich stehe auf der richtigen Seite.‘

Größenwahnsinnige Leute, die denken, dass sie auf der richtigen Seite stehen? Das sind wir nun beide, Fynn Kliemann und ich.

Trotzdem behaupten meine Freund*innen, dass ich das genaue Gegenteil von Fynn Kliemann sei. Vielleicht liegt das daran, dass ich mal behauptet habe: Wenn ich reich wäre, dann würde ich das Geld ausgeben für Leute, die mir Arbeit abnehmen. Jemand zum Putzen, jemand für die Steuern, jemand für Mails beantworten, jemand für Alles. Das war vielleicht ein bisschen geflunkert. Aber, was ich wirklich will: Emiliana Torrini hören und in Frieden gelassen werden. Im Außenbereich von Cafés sitzen und mit Freund*innen über irgendein YouTube- Video streiten. Oder jemanden trösten vielleicht. Das ist meine Utopie.

Zufällig habe ich vielleicht das ultimative Gegenmodell gefunden zu DIY. Diese Woche bin ich nämlich auf Twitter auf die France Gall- Bubble gestoßen4. Da gibt es einen Account, der jeden Tag Twitter durchforstet und Bilder von France Gall retweetet und sonst nichts. In der Accountbeschreibung steht die Aufforderung, man solle freundlich und demütig sein zu allen, Respekt haben vor allen Geschlechtern, Sexualitäten, Herkünften usw. Mehr will ich doch gar nicht vom Leben! Die eigene Sache zu finden und kein Pisser sein. Niemals Werbung für sich zu machen. Den Überblick zu behalten über die eigene kleine Welt, die man, nein, nicht selbst gebaut, sondern entdeckt hat.

Das ist mir alles so viel sympathischer als ‚ich mach Musik, die so belanglos ist, dass sie auf alles passt‘- Fynn, als ‚ich sehe aus wie ein Poetry Slammer aus 2009, der seine Geheimratsecken mit einer verschissenen Mütze überdeckt und ich HAB noch nicht mal Geheimratsecken‘- Kliemann, als ‚ich bin kein Immobilienmogul, ich besitze nur viele Immobilien, die ich hochsaniere und dann als Ferienwohnung vermiete‘- Fynn, als ‚ich denke ganz genauso wie ein Berliner Start- Upper, der die 25te Dating-App entwickelt, aber ich bin ja ganz anders, weil ich Löcher in Wände bohre‘- Kliemann. Meine Güte, wir hätten ihn schon so lange scheiße finden müssen.

Vielleicht sollte diese Kolumne heißen: ‚Idealisier bloß nicht…‘, denn nächste Woche geht es schon wieder um Idealisierung. Aber von Leuten, die ich mag. Und warum das auch schon wieder ein Problem ist. Und um meinen Geburtstag.

Bis dann und denkt daran: KEINE MACHT FÜR KLIEMANN

1Tocotronic, na klar

2https://www.youtube.com/watch?v=P1GZQDeVqlk

3Wir können also ganz einfach ausrechnen: Etwa 300 Näher*innen in Bangladesh, die ein Jahr durcharbeiten, sind 1 Fynn Kliemann wert, der ein paar Instastorys gemacht hat, dass er jetzt faire Masken verkaufe

4France Gall. Ooooh, wo soll ich da anfangen? Als Teenagerin berühmt geworden, war sie in den 60ern so etwas wie eine 68erin nur in gut (also: chicer und feministischer). Hits wie ‚Laisse tomber les filles‘ (‚Lass die Mädels in Ruhe‘). Hat auch den Eurovision Song Contest gewonnen mit 17. In Deutschland bekannt wegen ‚Ella, elle l’a‘ (‚Ella, sie hats drauf‘), aus den 80ern gewidmet an Ella Fitzgerald. France Gall ist dann vor ein paar Jahren an Brustkrebs gestorben. Es ist also wirklich eine ungewöhnliche Bubble, auf die ich da gestoßen bin.

Ein Gedanke zu „Algen und Vergebung #3

  1. Pingback: Algen und Vergebung #9 – Topic Slam

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