Algen und Vergebung #9

Pack das Handy weg, Fynn!

Ich hätte mir sehr gewünscht, ein Text über Fynn Kliemann hätte gereicht, aber da habe ich nicht mit dem Mann himself gerechnet. Denn die Saga nimmt weitere Wendungen. Es geht hier nicht darum, dass die ARD herausgefunden hat, dass Kliemann auch bei seinen Kunstauktionen beschissen hat. Das Erstaunlichste dabei ist sowieso, dass wir anscheinend so tief im Spätkapitalismus angekommen sind, dass jemand kurze Musikschnipsel von Fynn Kliemann als NFT kaufen möchte.

Es soll auch nicht um das YouTube- Video des Kliemannslands gehen, welches ‚Das Kliemannsland hat sich von Fynn Kliemann distanziert‘ heißt und in dem die Männer im Video sagen, dass sie hinter Fynn Kliemann stünden.

Es soll um den Instagram- Rant gehen. Ja, ihr wisst welchen. Im Grunde genommen sagt Fynn Kliemann dort, Teile der woken Linken und die öffentlich- rechtlichen Medien seien die Feinde der Freiheit, für die er mit seinem Namen kämpfe. Der öffentlich- rechtliche Rundfunk habe ihn ‚groß gemacht‘, danach habe er nicht ‚gespurt‘ und jetzt wollen sie ihn ‚wieder klein‘ machen.

Ob er jetzt rechts geworden ist, wie die dunklen Seelen auf Twitter behaupten, möchte ich hier jetzt nicht einschätzen. Dass er gedacht hat, er entschuldigt sich und dann ist wieder alles gut, das ist jedoch offensichtlich.

Jetzt bleibt ein Problem

Wirklich schlaue Leute haben den eigentlich gut gefunden. Leute haben ihn als Vorzeigemensch für moralisches Leben gesehen. Wie man im Spätkapitalismus leben kann, ohne sich zu Hause zu verbarrikadieren. Kliemann sagt, er sei ’nie angetreten, um perfekt zu sein‘, aber der ganze Erfolg von ihm basiert halt eben doch darauf, dass die Leute ihn für einen Idealisten gehalten haben, der seine Version des perfekten Lebens lebt. Und dazu gehört die Verpeiltheit und all die Schwierigkeiten, die zwar nicht konservativ perfekt sind, aber aus moderner Sicht vielleicht sogar eine Form von Selbstliebe sein könnten. Er akzeptiert, dass nicht immer alles sofort klappt und macht trotzdem weiter. Weil er sich selbst verwirklichen möchte. Weil er etwas Gutes tun möchte. Weil er die wirklich wichtigen Dinge nicht aus den Augen verliert. Das ist schon ziemlich perfekt.

Und deshalb denken auch Leute, mein lieber Fynni, wenn du dich hinstellst und dich als Gesicht des Großspenders an Geflüchteten- Camps präsentierst, dass du vorher ganz genau herausgefunden hast, dass das keine defekten Masken sind, weil das nämlich eine dieser wirklich wichtigen Sachen wäre, die du nicht aus den Augen verlierst.

Was also hat der Mann falsch gemacht, dass er jetzt so eine zugedröhnte Rede hält? Laufen wir im linken und linksliberalen Milieu (die alle jemanden kennen, die ihn gut gefunden haben) auch Gefahr, innerhalb von 6 Wochen so freizudrehen, dass wir kurz vorm eigenen Telegramchannel stehen?


Ich habe ein paar Ideen, wie wir das vermeiden könnten.

  1. Fangen wir einfach an: Benenne keinen Landstrich in Niedersachsen nach dir selbst. Personenkult stinkt immer, wenn er von der Person selbst ausgeht. Wenn ihr doch einen Teil Niedersachsens nach euch selbst benennen möchtet, dann startet doch lieber zuerst einen nach euch benannten Blog.
  2. Gebt niemals, niemals damit an, dass ihr etwas Gutes getan habt. Es ist okay, auf Spendenlinks zu verweisen, es ist nicht so okay, Instagramvideos aufzunehmen: ICH HABE GESPENDET!!!! Es ist überhaupt nicht okay, sich selbst für moralisch korrekt zu halten, weil das bedeutet, dass man glaubt, alles kapiert zu haben und das ist nicht nur unsympathisch, sondern am Ende kommt vielleicht auch raus, dass die Masken doch defekt waren. Seid enthusiastisch, aber zweifelt ruhig ein bisschen. Vielleicht stimmt ja doch nicht, was man denkt, auch wenn man sich das gerade nicht vorstellen kann.
  3. Dass die Leute beeindruckend finden, wie viele und wie viele unterschiedliche Sachen Kliemann gemacht hat, verdreht mir die Augen ganz automatisch, daher sage ich es gern nochmal: Ich habe noch niemals jemanden erlebt, der den ganzen Tag freiwillig gearbeitet hat, ohne, dass er verdrängt hat, über sich selbst nachzudenken. Dabei gilt doch eigentlich: Wer sich selbst verwirklichen will, braucht erstmal ein Selbst.
    Dass Leute in die Arbeit fliehen, kann ich sogar verstehen. Denn das hat wiederum gar nichts mit Spätkapitalismus zu tun, sondern ist ein uralter menschlicher Drang: In allen Weltreligionen gibt es seit Tausenden von Jahren einen Tag in der Woche, der im Grunde genommen nur zur Besinnung da ist. Der dafür da ist, eben nicht zu arbeiten. Du glaubst nicht an Gott? Noch besser, dann hast du noch mehr Zeit, über dich selbst nachzudenken.
    Wer zu viel selbst macht, verliert irgendwann den Überblick über das Ganze und wenn man auf einmal nichts zu tun hat, dreht man durch und beschimpft die ARD auf Instagram.

Was man stattdessen tun könnte:

Tja, das weiß ich auch nicht. Außer vielleicht Folgendes: Irgendjemanden habt ihr doch sicher gern. Sagt denen mal was Nettes. Noch besser: Schreibt was Nettes auf und lest es denen vor. Damit macht man die Welt dann wirklich ein bisschen besser.

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